Die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die aus eigener Erfahrung über NS-Verfolgung berichten können, nimmt aufgrund ihres hohen Alters stetig ab. Vor dem Hintergrund dieser Situation entstand die Idee, im Pilotprojekt „Nachkommen von NS-Verfolgten erzählen“ Kinder und Enkelkinder von jüdischen NS-Verfolgten in die schulische Arbeit einzubinden und in Klassenzimmern über ihre Erfahrungen sprechen zu lassen. Dabei wurde erstmals systematisch untersucht, wie biographische Erzählungen von Nachkommen NS-Verfolgter im schulischen Kontext eingesetzt werden können.
Nachkommen berichten sowohl über die Verfolgungsgeschichte ihrer Familien als auch über deren langfristige Auswirkungen bis in die Gegenwart. Sie werden durch biographische Erzählungen nachvollziehbarer, insbesondere wenn Nachkommen nicht nur die Geschichte der Vorfahren nacherzählen, sondern ihre eigene Lebensgeschichte erzählen. Themen wie Nachkriegszeit, Familiengeschichten, Schweigen, Erinnerung und Gegenwartsbezüge werden mit Kindern und Enkelkindern NS-Verfolgter stärker und einfacher thematisierbar. Geschichte wird weniger als abgeschlossene Erzählung wahrgenommen und Schüler:innen treten mit jüngeren Nachkommen mitunter offener in den Austausch als es in bisherigen Zeitzeugengesprächen der Fall war.
Das Lernen mit Biographien von Nachkommen birgt für die Holocaust Education also zahlreiche Potenziale, wie z.B. die Sichtbarmachung der Heterogenität der Verfolgten oder die Möglichkeit für Lernende, eigene Bezüge zu historischen Ereignissen zu entwickeln.
Das Pilotprojekt „Nachkommen von NS-Verfolgten erzählen“ wurde in den Jahren 2024 und 2025 durchgeführt, umgesetzt vom OeAD-Programm ERINNERN:AT, der Pädagogischen Hochschule Tirol, der Universität Klagenfurt und dem Verein „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ an der Universität Wien.