60 Jahre OeAD: Netzwerke erforschen, Netzwerke aufbauen

10. Juni 2021 StipendiumOeAD60
Noema Nicolussi vor einer Schultafel
Das Marietta Blau-Stipendium aus nächster Nähe.

Das Marietta Blau-Stipendium bietet Doktoratsstudierenden die Möglichkeit, zur Optimierung ihrer Dissertation einen sechs- bis zwölfmonatigen Forschungsaufenthalt im Ausland zu absolvieren. Die Mathematikerin Noema Nicolussi hat dieses Stipendium erhalten und in Deutschland und Frankreich zur Spektraltheorie auf Graphen geforscht. Klingt das trocken und kompliziert? – Noema konnte uns in ihrem Auswahlinterview vom Gegenteil überzeugen:

Graphen sind ein wesentliches und fundamentales Konzept in der Mathematik. Sehr vereinfacht gesprochen ist ein Graph der mathematische Begriff für ein ‚Netzwerk‘ und besteht aus ‚Punkten, die mit Strichen verbunden sind‘ (z.B. ein U-Bahn-Plan oder Familienstammbaum). Mich persönlich fasziniert an diesem Gebiet, dass Graphen in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen eine Rolle spielen und so eine Brücke zwischen verschiedenen Themen schlagen. So treten sie etwa bei angewandten Fragen wie der Modellierung von Straßennetzwerken, sozialen Netzwerken oder Blutkreislaufsystemen auf, andererseits aber auch in abstrakten mathematischen Gebieten wie der Gruppentheorie (die ‚Punkte‘ entsprechen dann abstrakten Objekten). Konkret interessiere ich mich für Differentialgleichungen auf diesen Strukturen.“

Sehr konkret war dann auch das Netzwerk, das sich Noema mit Hilfe des Marietta Blau-Stipendiums im Ausland aufbauen konnte: In Potsdam und Palaiseau (Paris) konnte sie mit Expertinnen und Experten aus anderen mathematischen Gebieten zusammenarbeiten, um neue Einblicke in ihre eigenen Fragestellungen zu gewinnen, welche sie schließlich in ihre Dissertation einfließen ließ. Das Miterleben von Unterschieden in Wissenskulturen war für sie nicht nur persönlich bereichernd, sondern auch beruflich entscheidend und hat ihr neue Perspektiven eröffnet.

Die Nachhaltigkeit ihres Marietta Blau-Netzwerkes hat Noema bereits unter Beweis gestellt: sie ist als Erwin Schrödinger-Stipendiatin des FWF zu ihren vormaligen Arbeitsgruppen in Potsdam und Paris zurückgekehrt und widmet sich dort einer vielversprechenden PostDoc-Karriere. Wir wünschen Noema eine erfüllende Karriere und hoffen, dass ihr Beispiel viele junge Forscherinnen und Forscher inspiriert! – aber hören wir doch, was Noema selbst dazu sagt:

Ich bin Mathematikerin und habe nach einem Bachelor- und Masterstudium in Innsbruck und Wien mein Doktorat im Bereich der Spektraltheorie auf Graphen erfolgreich abgeschlossen. Durch das Marietta Blau-Stipendium hatte ich Gelegenheit, zwei Arbeitsgruppen in Potsdam und Paris für jeweils drei Monate zu besuchen und meine Doktorarbeit in neue Richtungen weiterzuentwickeln. Während viele andere Stipendiat/innen ihr Stipendium zum Sammeln von Daten genützt haben, entfällt dieser Aspekt in der Mathematik weitgehend und das Ziel meines Projektes war vielmehr die Zusammenarbeit mit Experten aus anderen mathematischen Gebieten. Meine Aufenthalte habe ich vor allem damit verbracht, mit Mathematiker/innen vor Ort zusammenzuarbeiten, um neue Einblicke in meine eigenen Fragestellungen zu gewinnen. Nach dem Abschluss meines Doktorats an der Uni Wien habe ich ein Erwin Schrödinger-Stipendium des FWF erhalten, das es jungen Wissenschaftler/innen ermöglicht, für zwei Jahre im Ausland fachliche Erfahrungen zu sammeln. Diese beiden Jahre verbringe ich jetzt bei meinen seinerzeitigen Arbeitsgruppen in Potsdam und Paris, um unsere begonnene Zusammenarbeit zu festigen. Das Marietta Blau-Stipendium hat wesentlich zu meiner bisherigen wissenschaftlichen Karriere beigetragen. Der intensive Austausch mit internationalen Wissenschaftler/innen aus anderen Bereichen war für mich beruflich entscheidend und hat meine Perspektiven und mein fachliches Wissen sehr bereichert. Auf persönlicher Ebene fand ich es ungemein interessant, die Unterschiede in den jeweiligen Wissenschaftskulturen so unmittelbar miterleben zu können.“

Aktuelle Informationen zum Marietta Blau Stipendium

Autor/innen: Katharina Cepak, Noema Nicolussi, Tibor Szabó